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Marvin Lier im Abschiedsinterview: «Ich habe viel mehr erreicht, als ich mir jemals erträumen konnte»

Eindrucksvolle Marken konnte Marvin Lier in seiner Karriere aufstellen. 1582 Tore erzielte er in 516 Spielen in der Quickline Handball League. Ausserdem 105 für die Schweizer Nationalmannschaft in 250 Partien. Nach 19 Jahren im Spitzenhandball ist nun Schluss. Ab sofort heisst es Schulleiter statt Profi-Handball. Mit den Kadetten Schaffhausen gelangen dem linken Flügelspieler in den letzten fünf Jahren vier Meisterschaften, zwei Cup- und drei Supercup-Siege sowie der Einzug in den Viertelfinal der European League.

Im grossen Abschiedsinterview spricht der 33-Jährige über Emotionen, sein Verständnis von Sportlichkeit, warum er seine Positionskollegen immer als diese und nicht als Konkurrenten gesehen hat, was ihn nun als Schulleiter beschäftigt und ob er der dem Handball verbunden bleiben wird.

Marvin, konntest du alles bereits etwas sacken lassen und etwas durchatmen nach deinem Karriereende?

(lacht) Es ist gerade streng bei der Arbeit als Schulleiter. Viel Zeit zum Nachdenken hat sich noch nicht ergeben. Aber trotzdem: Langsam realisiert man das alles.

Was haben die letzten Momente deiner sehr erfolgreichen Karriere mit dir gemacht, vor allem der Abpfiff nach dem letzten Playoff-Final und schliesslich minutenlange Standing Ovations von über 500 Fans beim Abschlussfest der Kadetten, als ein paar Tränen geflossen sind?

Bis zum letzten Spiel habe ich keine grossen Emotionen zugelassen. Nach dem Schlusspfiff meines letzten Spiels hat es mich dann aber doch kurz erwischt und die Emotionen haben sich Bahn gebrochen. Da war dann etwas Enttäuschung, aber auch ganz viel Unterstützung auf der Tribüne von Freunden und Familie. Das war sehr schön, so viele Menschen dabei zu haben, die mir viel bedeuten. Mit der Verabschiedung in dieser Form beim Abschlussfest habe ich nicht gerechnet. So viel Wertschätzung zu erfahren hat sehr gutgetan, da musste ich mich schon sehr zusammenreissen, um überhaupt noch ein paar Worte herauszubekommen. Es zeigt, was ich in den letzten fünf Jahren leisten konnte. Dass die Fans dies so honorieren, ist sehr schön.

Welche besonderen Momente kamen dir in diesen Augenblicken oder in den letzten Tagen in den Sinn?

Mein erstes Länderspiel. In diesem Moment habe ich realisiert, dass ich schon recht weit oben bin. Natürlich auch die Titel, die ich vor allem am Ende meiner Karriere mit den Kadetten feiern durfte. Diese schönen Momente, wenn der Druck nachlässt und man seine Ziele erreicht hat, das feiern mit den Fans. Als verdienter Lohn für die harte Arbeit, die hinter diesen Erfolgen steckt. Auf diese blicke ich gerne und mit Stolz zurück.

Du wirst in der Handball-Welt von allen Seiten geschätzt, als stets fairer Sportsmann. Welche Werte waren dir immer wichtig?

Das bedeutet mir mehr, als um jeden Preis zu gewinnen, egal mit welchen Mitteln. Alles geben bei echter Sportlichkeit, auch unter Druck, ist mir wichtig. Dazu Ehrgeiz. Und Ehrlichkeit. Mit dem Team und den Kollegen. Ich kann es schwer ertragen, wenn es jemandem in meinem Umfeld nicht gut geht. Ausserdem Emotionalität. Im Alltag bin ich eher aufgeräumt, durchdacht. Auf dem Spielfeld schon emotional, was nicht alle können oder mögen. Über diese Emotionen habe ich immer versucht, eine Verbindung zu den Fans herzustellen und damit auch dem Team zu helfen.

Wie wirst du die letzten fünf Jahre bei den Kadetten in Erinnerung behalten?

Als Schweizer Handballer war es ein riesiges Ziel, für diesen so erfolgreichen und grossen Club zu spielen. Das war vielleicht nicht absehbar, wenn man vorher lange für den Derbyrivalen aus Winterthur spielt (lacht). Als sich die Chance bot, musste ich nicht lange überlegen. Die Zeit bei den Kadetten hat mir extrem viel gegeben, Spass gemacht und bedeutet. Die Kadetten sind die Adresse des Schweizer Handballs der letzten Jahrzehnte. Ich bin stolz, dass ich im orangen Dress spielen und Erfolge feiern durfte. Es gab nicht nur Hochs, mein erstes Jahr war mit einem super performenden Samuel Zehnder anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber insgesamt bleibt eine sehr erfolgreiche, gute Zeit.

Du sprichst die Konkurrenz auf der Position an. Du bist jedoch immer den Weg gegangen, deine Positionskollegen heranzuführen und schon so etwas wie unter deine Fittiche zu nehmen. Warum?

Ich durfte in meiner Karriere auch von erfahren Mitspielern wie Manuel Liniger und Marcel Hess profitieren. Es war für mich immer selbstverständlich, jüngere Mitspieler an meiner Erfahrung teilhaben zu lassen. Ich habe Positionskollegen immer als diese gesehen und nicht als Konkurrenten. Als Team im Team. Als junger Spieler hilft dir Feedback und Zuspruch nach jeder gelungenen Aktion enorm. So habe ich es auch mit unserem talentierten Flügel Yari Prince gehandhabt. Er hat das super angenommen und aufgesaugt. Wir haben ein schönes Verhältnis.

Wie traurig bist du darüber, dass dir perfekte Abschied mit dem fünften Meistertitel in fünf Jahren versagt blieb?

Schon sehr. Wir haben auf dieses Ziel ein Jahr hingearbeitet und waren mit sieben Punkten Vorsprung in der Hauptrunde und zwei Siegen gegen Kriens auf einem guten Weg. Dann den Final in drei Spielen zu verlieren, ist hart. Ob wir über die Saison oder sie besser waren, kann dahingestellt bleiben. In der Finalwoche war Kriens besser und hat verdient gewonnen, auch wenn ich es mir selbst anders gewünscht hätte und alles dafür gegeben habe. Die Enttäuschung war im ersten Moment da. Im zweiten Moment bin ich sehr dankbar für alle positiven Erlebnisse und die grosse Unterstützung. Diese Niederlage trübt meine Karriere nicht, auch das gehört zum Sport dazu. Ich habe viel mehr erreicht, als ich mir jemals erträumen konnte und bin gesund. Da ist das, was zählt.

Stichwort Gesundheit: Du warst in deiner langen Karriere mit 19 Jahren im Spitzensport kaum verletzt und bist immer noch in bester Form. Was ist dein Erfolgsrezept?

Ich kann mich tatsächlich an keine zwei Spiele erinnern, die ich in Folge verpasst habe. Dazu gehört auch viel Glück. Was ich von meinen Eltern mitbekommen habe etwa. Nicht alle Verletzungen sind vermeidbar. Bei denen, die es sind, habe ich alles dafür getan, um sie zu verhindern. Dazu gehören neben gezieltem Training auch Ruhepausen. Mir hat es immer gutgetan, im Sommer komplett herunterzufahren. Insgesamt muss man als Profi einer grossen Belastung standhalten. Wichtig ist deshalb, auch mental fit zu bleiben und den Spass nie zu verlieren.

Nun hast du die Handballschuhe an den Nagel gehängt und gegen als die Rolle als Schulleiter eingetauscht. Was fordert dich gerade und welche Erfahrungen aus dem Spitzensport helfen dir nun auch im Beruf?

Statt Trikot heisst es nun Hemd und Schreibtisch (lacht). Aktuell gibt es viel Planungsarbeit, um Wachstum zu stemmen. Mit neuen Klassen und neuen Lehrkräften. Im Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hilft es mir, gute Antennen dafür zu haben, wer wie tickt, wie man mit den einzelnen Menschen umgehen und kommunizieren muss. Auch hier möchte ich, dass es meinem Team gutgeht und wir zusammenhalten.

Kannst du dir nun tatsächlich ein Leben komplett ohne Handball vorstellen?

Ganz ohne Handball? Nein. Dazu habe ich zu viele Freunde in diesem Umfeld. Den Sport werde ich nie ablegen. Dass ich selbst noch einmal aktiv werde, sehe ich eher schwierig. Für den Hobbysport wäre mein Leistungsstreben bestimmt nicht optimal. Ich werde nun andere Sportarten ausprobieren. Padel gefällt mir, auch mit dem Velo unterwegs zu sein. Die gewonnene Freiheit geniesse ich sehr. Ein spontaner Ausflug an den See, Zeit mit meiner Frau verbringen – das hat auch etwas. Die Spiele werde ich natürlich verfolgen und ich bin offen dafür, dem Handball etwas zurückzugeben.

Wo siehst du die Kadetten in den nächsten Jahren?

Es wird auf einen Zweikampf mit Kriens hinauslaufen. Ich bin gespannt auf den neun Trainer Jonas Wille. Mit ihm und dem neuen Spielmacher Frederik Tilsted wird sich sicher der Spielstil ändern. Bei Kriens wird es grosse Veränderungen im Kader geben. Aus neutraler Sicht ist es gut für den Schweizer Handball, wenn mehr Teams den Leistungshandball leben. Die nächste Saison bietet jede Menge Spannung, davon bin ich überzeugt. Für die unglaubliche Zeit möchte ich mich bedanken und wünsche den Kadetten viel Erfolg. Ich habe grosse Unterstützung und Wertschätzung erfahren dürfen. Das schätze ich sehr und bedanke mich bei allen, die mich auf meiner Reise begleitet sowie an mich geglaubt haben und wünsche allen das Beste.

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