Juri Knorr ist Dreh- und Angelpunkt im Angriffsspiel der deutschen Handballer. In Dänemark präsentiert sich der Mannheimer gereift – in doppelter Hinsicht.
Herning (SID) Andy Schmid nahm sich viel Zeit. Zweieinhalb Minuten lang setzte der Nationaltrainer der Schweizer Handballer in den WM-Tagen von Dänemark zu einem Plädoyer für Juri Knorr an, seinen Lehrling, den Spielmacher der deutschen Handballer, in dem sich der fünfmalige Bundesliga-MVP Schmid manchmal wiedererkennt. Und er hatte einen klaren Appell mitgebracht.
„Ihr tut ihm keinen großen Gefallen, wenn ihr ihn immer ins Scheinwerferlicht stellt, ihn nur ‚Hopp oder Top‘ beurteilt“, sagte der 41-Jährige auf großer Bühne in Silkeborg: „Ich glaube nicht, dass es ihm guttut. Er sucht das nicht.“ So wundert Schmid auch nicht, dass für den deutschen Hoffnungsträger ab Sommer eine große Veränderung ansteht.
Knorr unternimmt während der WM in gewisser Weise eine Reise in die eigene Zukunft. Im Sommer wird der 24-Jährige die Rhein-Neckar Löwen in Richtung Dänemark verlassen. Der Wechsel zu Topklub Aalborg Handbold soll als Sprungbrett dienen – auf ein neues sportliches Niveau und, nicht weniger wichtig, raus aus eben jenem Rampenlicht in Deutschland.
„In Dänemark werde ich vermutlich für die breite Masse nicht ganz so interessant sein. Und ich glaube, ein bisschen weniger Scheinwerferlicht tut mir auch mal ganz gut“, sagte Knorr im Herbst dem Mannheimer Morgen, als sein viel beachteter Wechsel öffentlich wurde. Schmid glaubt an den richtigen Schritt, denn Knorr sei „ein sehr sensibler Typ“.
Die Dänen, das zeigen die ersten WM-Spiele, können sich auf einen gereiften Knorr freuen – handballerisch und menschlich. Auf der Platte ist Knorr noch immer der Dreh- und Angelpunkt des deutschen Spiels. Er trifft permanent Entscheidungen, und zwar ziemlich oft die richtigen.
„Er ist ein anderer Juri als vor drei Jahren“, sagte Bundestrainer Alfred Gislason. Auch Bob Hanning sieht derzeit den „mit Abstand besten Juri Knorr, den wir bis jetzt im Nationaltrikot gesehen haben“, sagte der Top-Funktionär und ehemalige DHB-Vizepräsident dem kicker.
Tatsächlich hat Knorr seine spielerische Variabilität verbessert. Der 1,92-Meter-Mann mit dem markanten Zopf ist nicht mehr der Alleinunterhalter, er denkt öfter und besser an das große Ganze, bindet nicht „nur“ die Kreisläufer, sondern auch seine Kollegen im Rückraum ein, schafft durch cleveres Spiel viele Räume.
Eindrucksvoller Beleg dafür war die erste Hälfte beim Vorrundenabschluss gegen Tschechien, als Deutschland sich reichlich schwertat. Doch Knorr übernahm Verantwortung und war schließlich an fast jedem Tor beteiligt. Ihm kommt zugute, dass im Nationalteam in Renars Uscins ein neuer Star an seiner rechten Seite heranwächst.
Doch auch menschlich hat Knorr sich gewandelt. Unvergessen ist sein emotionaler Ausbruch bei der Heim-EM im Vorjahr, als der Druck – sowohl von ihm selbst als auch von außen – immens war und er vor den Mikrofonen der Reporter all seinen Frust rausließ. Derartige Reaktionen, so wirkt es, gehören der Geschichte an. Knorr spricht in Dänemark seltener, aber wenn er spricht, dann hat es stets Hand und Fuß.
Es scheint, als finde Knorr die Balance aus gesundem Ehrgeiz, spielerischer Qualität und nötiger Lockerheit immer besser. „Er spielt auf Rückraum Mitte beim größten Handballverband“, sagte Bundesliga-Ikone Schmid, unter dem Knorr bei den Löwen in die Lehre gegangen war. „Wenn er diese Rolle nur ein bisschen annehmen kann, wird ihm das helfen, dann wird es ihm mehr Ruhe geben und mehr Sicherheit für sein Spiel.“

