Oranienburger geben im Abstiegsduell in letzten zehn Minuten einen Sieben-Tore-Vorsprung her
Der Oranienburger Handball-Club hat am Samstagabend in einem unfassbaren Spiel zwei Punkte aus der Hand gegeben, die eigentlich schon auf der Habenseite waren. Zehn Minuten vorm Ende führte die Mannschaft mit 30:23 – sieben Tore Vorsprung, die das Team in dem so richtungsweisenden Spiel auf der Zielgeraden aus der Hand gab. Spieler und Trainerteam sowie die zehn mitgereisten Fans konnten gar nicht fassen, dass der Tabellenletzte SV Anhalt Bernburg in der letzten Sekunde den nicht für möglich gehaltenen Siegtreffer erzielte. Versteinerte Gesichter auf der Oranienburger Seite, Kopfschütteln, ungläubige Blicke, kreidebleiche Gesichter. Auf der anderen Seite eine ebensolche Fassungslosigkeit – nur aus einem anderen Blickwinkel. Kein Pfifferling hatten die Bernburger Fans mehr auf ihre Mannschaft gegeben. Und doch schaffte sie das Unmögliche. „Ich mach das schon jetzt zwölf Jahre lang, aber so etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte Frank Conrad, Vorsitzender des Fördervereins Anhalt Bernburg.
Es war wie immer in der Saalestadt: Ein Spiel, dessen Verlauf man schwer in Worte fassen kann. Nach dem Turbostart der Gastgeber, die nach knapp einer Viertelstunde mit 10:5 führten, stellte der OHC das fehlerhafte Spiel ab und nutzte die nun eintretenden Unzulänglichkeiten der bis dato fast an der Perfektion agierenden Gastgeber konsequenter aus. Trotz leichtfertig vergebener Chancen holte das Team auf, egalisierte den Rückstand (14:14) und ging sogar mit einer 18:15-Führung in die Kabinen.
Genau an dieses geradlinige Spiel setzte der OHC weiter an. Es gelang fast alles. In der Abwehr holte sich das Team viele Bälle und profitierte dabei von der weiterhin hohen Fehlerquote der Bernburger. So führte Oranienburg Mitte der zweiten Halbzeit mit acht Toren (28:20/47. Minute). Nach unnötigen Ballverlusten und zugleich leichtfertig vergebenen Chancen schlichen sich die Bernburger fast unbemerkt etwas heran (23:28). Als die Gastgeber nicht nachhaltig verkürzen konnten, setzte SVA-Trainer Jan Illig alles auf eine Karte und stellte auf offene Manndeckung um. Mit Erfolg. Sein Team erzwang permanent Fehler des OHC, holte die inzwischen stumm gewordenen Fans wieder ab und erhöhte im Angriff die Effektivität.
Dennoch war das Polster für die Oranienburger nach wie vor beruhigend (33:29/57. Minute). Ein Trugschluss. Die offensive Deckungsvariante bereitete den Gästen enorme Schwierigkeiten, sie verloren den Ball bei fast jedem Angriff, wurden unsicherer, sodass Bernburg immer dichter herankam. 24 Sekunden vorm Ende führte Oranienburg immer noch (34:33), ehe Clemens Grafenhorst der Ausgleich gelang. Genug Zeit, um wenigstens den einen Punkt zu retten. Doch ein weiterer Ballverlust mit anschließendem Gegenstoß ließ das Spiel für den OHC zum Albtraum mutieren. Ein unfassbares Spiel mit einem unfassbaren Ausgang. Ekstase bei den Bernburgern, Frust bei den Oranienburgern, die eminent wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt liegenließen. Trainer Darius Krai stand das Entsetzen noch lange nach der Schlusssirene ins Gesicht geschrieben. „Ich kann mir diesen Spielverlauf so unmittelbar nach dem Spiel nicht erklären“, sagte er auf der Pressekonferenz.
Bernburg: Kwoczalla (3), Niestroj (4), Friedrich (5), Klimaschewski, Schulze (1), Froschauer, Grafenhorst (3/1), Illig, Filippov (1), Stolze (1), Richter (8), Harder (9), Bagatolli, Ohm
Oranienburg: Mestrovic, Harries) – Gerntke (1), A. Krai (6), Schmöker, Plaul, Jantzen (10/2), Schulz, Lamp (2), Lux (6), Fritz (5), J. Porath (2), Williams (2), Ehmke

